Musik

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Heißer Zigeunerswing an kalten Wintertagen

Wenn Schwanen-Wirt Fred Nestele Musik macht

Ein Artikel von Siegfried Dannecker aus der Kreiszeitung vom 14.Februar 2007

Dienstagabend im „Schwanen". Draußen tanzen Schneeflöckchen durch die Luft. Drinnen sitzen bei gemütlicher Kachelofenwärme Gäste über Rostbraten oder Regenbogenforelle, da spült ein kurzer Schwung Kälte vier Männer herein, die für Wärmendes sorgen. Denn sogleich packen die vier Bulgaren ihre Instrumente aus und heizen mit heißem Zigeunerjazz die Stimmung an. Geiger Alex Martinov, Klarinettist Asen Phililpov, Kontrabassist Martin Aliocev und Akkordeonist Daniel Bikov sind im „Schwanen" gern gesehen.
 
Wirt Fred Nestele kennt die Männer vom Balkan schon lange und nimmt sie gerne auf. Also wird gefiedelt, gezupft, gequetscht und die Klappen gedrückt, bis das Traditionslokal schwingt vor guter Laune. Alex, der junge Fiddler, „schmachtet" eine der Damen mit schluchzendem Ton und schauspielerischem Talent an. Die grinst über soviel Zuwendung. Ihr Ehegatte zeigt dennoch keine Anstalten zur Eifersucht, sondern prostet dem Saitenstreichler per Weinglas zu - und steckt ihm einen Zehner in den Geigenhals. Kein schlechter Abend für das Quartett. Wenn die vier Bulgaren zum „singenden Schwanenwirt" kommen, spendiert er ihnen stets ein Getränk, auf Verlangen auch ein Essen und hält für alle zusammen einen Zwanziger bereit. Denn Nestele weiß, dass Berufsmusiker oft ein bescheidenes Auskommen mit dem Einkommen haben. Schließlich war der 44-Jährige selber mal Berufsmusiker - in Willy Seilers und Ruth Mönchs Begleitband beim „Krug zum Grünen Kranze". Mit dem Tod von Ruth Mönch war auch das Engagement von Fred Nestele beendet.
 
Als er 1988 den „Ensinger Hof" bei Vaihingen/Enz übernahm und abends die Busse am Weinlehrpfad hungrige Mäuler entließen, lernte der gertenschlanke Mann die Gastronomie schätzen. Statt dass er die Gäste nur besang, bekochte er sie auch zusehends. Beim verstorbenen „Schwanen"-Wirt Horst Stute in Böblingen ging Nestele dann in die Lehre, machte schließlich den Küchenmeister, kaufte 1996 das Traditionslokal und serviert seitdem das, was landläufig als „gut bürgerlich" gilt. Doch der Trompeter; Saxophonist, Klarinettist, Akkordeonist und Tastenspieler greift nicht nur zum Kochlöffel - sondern immer wieder auch zum Instrument. Und er lässt die Stimmbänder vibrieren. Nach Fasching gibt's wieder „Freddys Wunschkonzert. Das heißt, die Gäste können sich nach 20, 21 Uhr aus einer 500 Positionen umfassenden Liederkarte ihren Liebling aussuchen. „Noten brauch' ich keine mehr, aber die Texte habe ich mir teilweise aufgeschrieben", lacht Fred Nestele, einer von zwölf eingetragenen „singenden Wirten" in deutschen Landen.
 
Musiker, findet der Gastronom und Hotelier, müsse man unterstützen. Schließlich seien die Zeiten für sie hart: „Die Gagen und die Engagements lassen nach; heute verpflichtet man oft nur noch einen Alleinunterhalter statt früher eine Combo." Also freut er sich, wenn die vier Bulgaren mal wieder (unangemeldet) bei ihm hereinschneien. Auch in Nesteles „Hopfenkranz" am Postplatz machen sie Station, spielen in Lokalen in Stuttgart oder in Esslingen auf. „Überall", wo man sie gern sieht (das ist nicht überall), führen sie mit dem Auto hin, erzählt der 26 Jahre junge Geiger.
 
Alex Martinov und seine Mitmusiker nehmen für ihre „Tournee" im schwäbischen Winter ihren gesamten Jahresurlaub. Sommers spielen die Berufsmusikanten in Hotels und Clubanlagen ihrer Heimat - doch die sind zurzeit zu. Also ab nach Deutschland, wo für die gute Laune und die Livemusik ein paar Euroscheine rüberwachsen. „In Bulgarien ist das noch richtig was wert", schmunzelt Wirt Nestele und greift nun ebenfalls zur Trompete.
 
Zwei Louis Armstrong-Titel sind angesagt, Tonart und Akkordfolge unter Profis sofort gefunden. Und als Nestele dann auch noch reibeisig singt wie einst „Satchmo", ist die kleine „Schwanen"-Gemeinde zwischen Kachelofen und Holzvertäfelung vollends aus dem Häuschen. „Super. Und das in Böblingen", wollen zwei Ehepaare wiederkommen, wenn Live-Musik angesagt ist.
 
Die vier Bulgaren, die man buchen kann (Handy 0176 / 67 53 99 41), sind am morgigen Schmotzicha Dorschdich gegen 21 Uhr nochmal im „Schwanen" und am Samstag ab 20 Uhr im „Hopfenkranz" am Postplatz.